DAS VERBRECHEN

Am Dienstag war ich ins Museum gegangen und hatte aus Abteilung drei-strich-zwölf den Faustkeil gestohlen. Es war alles problemlos vonstatten gegangen, ich hätte gar keinen Zeitplan aufzustellen brauchen, keine Fluchtwege austüfteln und mich nicht mit Alarmanlagentechnik befassen. Im Museum war außer mir kein Mensch gewesen. Jahrtausende altes Schweigen lag in den Räumen. Staub bedeckte die Vitrinen. Seltene Käferarten starben in den endlosen Weiten doppelt verglaster Fenster.

Ich hatte den Faustkeil genommen und war gegangen. Hatte ihn in meine Hose gesteckt, er war kalt und groß. Hatte ihn eingesteckt und war gegangen, an der Dame an der Kassa vorbei, die Hand zum Gruß hebend, aus der dumpfen Trägheit des Museums in den grellen Lärm der hiesigen städtischen Einkaufsstraßen, hielt den Faustkeil in meiner Hose verborgen und bedachte das ahnungslos einher flanierende gemeine Volk mit abgründigem Lächeln, das keiner bemerkte. Ich wählte absichtlich die weitest möglichen Wege, durchquerte die ganze Stadt um meinen Erfolg entsprechend auszukosten. „Wo warst du“, sagte Mutter, als ich zuhause ankam, „hast du Klopapier mitgebracht, und endlich unsere Nachbarn angezeigt, die Sauhunde.“ Ich antwortete nicht. Mutters banales Geplapper schien mir der Situation nicht angemessen. Ich hatte ein Verbrechen begangen. Ich hatte gestohlen. Ich nahm den Faustkeil aus der Hose und legte ihn auf den Schreibtisch. Er glänzte in der Abendsonne. Ich war glücklich.

Um sechs Uhr früh klingelte es. Zwei junge Polizisten in neuen, durchaus erotischen Uniformen standen draußen. Sie kamen nicht wegen mir, sondern wegen der Nachbarn. Mutter hatte sich beschwert. „Ruhestörung, Drogenhandel, Prostitution“, sagte der eine, „ist das richtig?“ Ich war enttäuscht. „Ich hole Mutter“, sagte ich.

In den Zeitungen war das Verbrechen nicht vermeldet. Ich studierte alle verfügbaren Blätter, besonders die Lokalteile. Nichts. Das kann nicht anders sein, dachte ich. Das Verbrechen habe ich erst gestern Abend begangen. Es kann noch nicht in den Zeitungen stehen. Die Polizei wird den Tatort genau untersuchen und erst dann die Presse verständigen. Morgen, ja, morgen, oder in den Abendnachrichten.
Ich wartete sieben Tage. Nichts geschah.

Eine innere Unruhe begann mich zu erfüllen. Die Räume wurden enger. Die Nächte wurden kürzer. Ich bekam Streit mit Mutter. „Nimm den Müll mit raus“ sagte sie, als ich mich auf den Weg ins Museum machte.
Niemand schien dort das Fehlen des Objekts bemerkt zu haben. Keine rot-weißen oder gelb-schwarzen Plastikbänder, keine Überwachungskameras, keine verdächtigen Herren mit schwarzen Hüten und langen Mänteln und großformatigen Zeitungen. Kein Mensch war im Museum zu sehen. „Sie schon wieder“, hatte die Dame an der Kassa zu mir gesagt. Sie hatte freundlich gelächelt. Ich hatte auch gelächelt. Dann entwendete ich aus Abteilung vier-strich-sieben eine römische Speerspitze. „Auf Wiedersehen“, sagte die Dame an der Kassa. „Bis bald“, antwortete ich.

Mutter beschwerte sich über die, wie sie sagte, „dreckigen Gegenstände“ auf meinem Schreibtisch. Ich antwortete nicht. „Wirf die dreckigen Gegenstände weg“, sagte Mutter, „sonst mach ich’s selbst.“ Ich drohte ihr mit der Faust. In der Nacht ging ich in den Wald und vergrub meine Beute unter einem Lindenbaum. Beim Heimgehen überraschte mich der städtische Totengräber. „Was machen Sie hier?“, fragte er. „Spazieren“, antwortete ich. Beide hatten wir eine Schaufel in der Hand. Er fragte nicht weiter. Auch ich fragte den Totengräber nicht, was er mit einer Schaufel in der Hand und einem schweren Sack über der Schulter mitten in der Nacht im Wald wollte. „Auf Wiedersehen“, sagte der Totengräber. Ich antwortete nicht. Ich mag den Totengräber nicht, er ist mir unheimlich, und er stinkt.

Im Museum gab es einen großen Stein aus dem Mittelalter, auf dem angeblich dazumal Fürst Ernst der Eiserne gerne gesessen war. Der Stein wurde auf einer daran angebrachten Tafel als „historisch äußerst wertvoll“ und „im ganzen Land weltberühmt“ bezeichnet. „Was haben Sie da?“, fragte die Dame an der Kassa. „Wo?“, antwortete ich. „In der Tasche“, sagte die Dame an der Kassa. „Ach so“, erwiderte ich. Der Stein wog bestimmt fünfzig Kilo. Ich überlegte. „Meine Fachbücher“, sagte ich.

Ich ging direkt in den Wald. Mit bloßen Händen wühlte ich den Erdboden auf. Beim Heimgehen überraschte mich der Totengräber. „Was machen Sie hier?“, fragte er. Meine Hände bluteten. Ich lachte. Erstmals hatte ich Angst verrückt zu werden.

Im Winter erfuhr mein Leben eine überraschende Wende. Die Nachbarn waren verhaftet und nach Georgien abgeschoben worden, und Mutter wurde in Ermangelung ihrer jahrelangen Gegner siech und krank. Ich hatte dadurch nie zuvor gesehene Freiheiten, die ich ausgiebig nutzte. Wenn ich heimkam, hörte ich Mutter in ihrem Zimmer meinen Namen rufen. Sie weinte. Ich ignorierte sie weitestgehend.
Auch den Großteil des Besitzes meiner Mutter vergrub ich im Wald. Ich sang und tanzte, während ich Zierdecken und Nippesfigürchen der Erde übergab. Bären und Füchse starrten mit tränenden Augen auf mein sündhaftes Tun.

Mit beiden Händen schaufelte ich jahrtausende menschlicher Entwicklung in übermannsgroße Taschen. Stein, Bronze und Eisen ergossen sich, majestätisch und still, aus silbernen Tellerchen hinab in weit geöffnete Rachen. Heiligenstatuen glotzten entsetzt, mit zum Schrei geöffneten Mündern. Ich nahm auch sie mit.
“Guten Tag“, sagte die Dame an der Kassa. „Guten Tag“, antwortete ich. Sie beugte sich weit vor, und ihre Brüste wollten beinahe aus der viel zu engen Bluse springen. „Wollen Sie“, fragte sie, einen kurzen Blick auf die Taschen werfend, die ich unter größten Anstrengungen hinter mir her schleifte, „wollen Sie nicht vielleicht das Briefmarkenmuseum besuchen? Es befindet sich gleich gegenüber.“ „Ja“, antwortete ich, „warum eigentlich nicht.“ In Wahrheit aber finde ich Briefmarken langweilig.